Keramik im nachhaltigen Projekt | von Danilo Signorello

Jede Form von Kreativität setzt einen tiefgreifenden Erkenntnisprozess voraus. Das gilt auch für den Bereich der Architektur, wo Sachkenntnis gepaart mit kreativem Einfühlungsvermögen für die Planungsorte erforderlich ist. Aus dieser Überzeugung heraus gründete Mario Cucinella in Bologna die (von Massimo Imparato geleitete) SOS School of Sustainability, wo sich die Fachleute von morgen weiterbilden und das Rüstzeug für die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte erhalten. Das richtige Bewerten von Werkstoffen und ihrer Nachhaltigkeit ist bei der Planung von heutigen und künftigen Architekturprojekten von entscheidender Bedeutung. Materialien wie Holz und Keramik werden seit Urzeiten vom Menschen genutzt und sind immer noch – oder wieder – hochaktuell. Wasser, Erde, Feuer: Die Herstellung von Keramik ist eine jahrtausendealte Tradition, die sich heute auf modernste Technologien stützt. Mit der Keramik steht den Planern einer der nachhaltigsten Werkstoffe zur Verfügung. Was Komfort und Wohlbefinden ausmacht, definiert sich heutzutage auch über die Nachhaltigkeit. Die planerischen Konzepte aus der Vergangenheit, die örtliche, kulturelle, landschaftliche und energiewirtschaftliche Gegebenheiten nicht berücksichtigten, haben Modelle hervorgebracht, die den örtlichen klimatischen Bedingungen nicht angemessen waren und nicht nur keine Verbesserung darstellten, sondern auch zu enormen energetischen Problemen geführt haben.

Das exponentielle Wachstum der Städte stellte eine große Chance dar, aber die zunehmend auf Profit ausgerichteten globalen Volkswirtschaften haben den Menschen aus dem Blickpunkt verloren, was – wie an den Vororten der Metropolen abzulesen ist – zu starker Entfremdung geführt hat. Bei Neubauten in solchen Vororten bieten sich heutzutage großartige Möglichkeiten zur Veränderung durch weitblickende Planung und die Einbindung von Institutionen, Hochschulen und Unternehmen.

„SeiMilano” ist für Cucinella ein wichtiges Projekt zur Sanierung der städtischen Gebiete im Südosten Mailands, bei dem das Thema Stadt-Garten im Mittelpunkt steht und das auf einem durch eine enge Symbiose zwischen Architektur und Landschaft gekennzeichneten Stadtentwicklungsmodell beruht. Nach Ansicht von Cucinella und der SOS muss die Architektur wieder ins Zentrum des gesellschaftlichen Veränderungsprozesses zurückkehren und den jungen Führungskräften von morgen die Instrumente an die Hand geben, die sie zur Bewältigung zukünftiger Herausforderungen benötigen. Seine Projekte für das Gesundheitswesen wie die „Città della Salute e della Ricerca” in Sesto San Giovanni (Mailand) oder der „Polo Chirurgico e delle Urgenze” im Krankenhauskomplex San Raffaele in Mailand sind beispielhaft für diesen Gedanken. Die Planung von Gebäuden für die Krankenpflege erfordert größte Aufmerksamkeit für Details und Räumlichkeiten, welche die Lebensqualität und das Wohlbefinden fördern. Dabei wird ein neues Nachhaltigkeitskonzept verfolgt, das Technik und Leistungen der Gebäude einbezieht, aber vor allem ein identitätsstiftendes Verhältnis zwischen Architektur und Landschaft schafft. Dieses Modell schenkt den Orten und den Menschen Beachtung: Nur so kann sich Nachhaltigkeit aktiv entfalten und die Architektur wieder eine enge Beziehung zwischen Mensch, Umwelt und Bauwerk herstellen.

April 2019