Mater Ceramica, antike und doch moderne Materie | von Maria Teresa Rubbiani

Artikel veröffentlicht in: "Die Vergangenheit und Gegenwart der italienischen Keramik"

Ziel des im Mai 2017 gestarteten Projektes Mater Ceramica ist es, zum ersten Mal das gesamte Wissen um italienische Keramik zusammenzutragen und es allen zugänglich zu machen. Die Vergangenheit und Gegenwart der italienischen Keramik soll unter allen Aspekten dargestellt werden, Produktion, Industrie, Handwerk und Kunst vor dem Hintergrund der Wirtschaftsdistrikte.

Warum hat sich der Fachverband Confindustria Ceramica als einer der Hauptakteure auf ein so umfassendes und scheinbar eher kulturelles Projekt eingelassen? Auf diese Frage geben die Kommentare einiger Redner Antwort, die das Projekt auf der Cersaie vorgestellt haben: „Die Vergangenheit sollten wir als eine Ressource betrachten, als etwas, das als ‘der Reichtum der Quelle’ bezeichnet werden könnte“, so Fulvio Irace, Professor für Architekturgeschichte an der Technischen Hochschule in Mailand, „Parallel zu den großen Museumsstrukturen, wie beispielsweise in Faenza, gibt es viele Firmenarchive. Das sind regelrechte Schatztruhen voller bautechnischem und familienhistorischem Wissen.“ Nach Ansicht von Irace kann die Zukunftsforschung nicht auf die Vergangenheit verzichten. „Die einstigen Handwerker sind nicht mehr nur solche, sondern sind heute Unternehmer, Innovatoren und Forscher im Bereich Design und Technologie. In Italien ist Handwerk seit jeher gleichbedeutend mit Unternehmertum“, erklärt Stefano Michelli, Professor für Betriebswirtschaft an der Hochschule Cà Foscari. Er stellte auch die Auswirkungen des Projektes auf den Tourismus vor: „Ein Tourist, der eine Stadt oder ein Gebiet besucht, ist auf der Suche nach Authentischem und das findet er in der Arbeitswelt. Das Verständnis einer Kultur erfolgt über die Kenntnis der Traditionen und ihrer Produkte. Ziel dieses Projektes ist eine Integration und eine fortgeschrittene touristische und kulturelle Nutzung.“
Luciano Galassini, Vizedirektor der Confindustria Ceramica, unterstrich in den historischen und kulturellen Wert dieser Initiative zur Bewahrung des Wissens um Keramikobjekte „weil ein Volk ohne Erinnerung ein Volk ohne Zukunft ist“.  (Video der Konferenz)

Noch pointierter drückte es Fulvio Irace aus in seinem Textbeitrag zum Werbevideo des Projektes von Francesca Molteni aus: „Das Projekt Mater Ceramica entsteht aus dem Bewusstsein heraus, dass, wie Gio Ponti sagte, ‚Die Gegenwart unsere Vergangenheit und Zukunft darstellt’“. Schönes ist kein Zufallsprodukt, sondern ein tief in seinen Wurzeln verankertes Projekt. Genau aus diesem Grund ist Mater Ceramica entstanden. Wissenschaftler und Forscher erstellen einen Atlas der italienischen Keramik und errichten ein virtuelles Netzwerk der vielen Ballungsgebiete künstlerischen und industriellen Schaffens. Städte, Distrikte und Regionen Italiens werden so miteinander verknüpft. Das digitale Keramikportal ist das interaktive Kommunikationsfenster zur Welt, denn das Binom Produkt/Umfeld ist das Grundthema der Industrie der Zukunft. Ein Reiseführer durch die Orte der Keramik ist der Ausgangspunkt für die Darstellung Italiens, das neben Fabriken, Landschaften, Siedlungen und Kulturen vorstellt, in denen Keramik genau wie Landwirtschaft ein wichtiges wirtschaftliches Element ist. Das ist der neue Horizont des Designs: eine strategische Produktvision, wo Innovation nicht nur technologischer Art ist, sondern Kultur und Erlebnis ist.“

 

Der Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit italienischer Keramik in Italien und im Ausland durch eine erweiterte Kommunikation zur Produktqualität vor dem Hintergrund geschichtlicher und geografischer Beschreibungen industrieller und handwerklicher Produkte ist das zentrale Thema des Projektes. Antike Wurzeln sowie künstlerische und handwerkliche Traditionen, Unternehmens- und Unternehmergeschichten, Erlebnisse der Arbeiter und die Entwicklung technischer Lösungen und Innovationen im Laufe der Zeit sind einige der Etappen dieser Reise. Zum ersten Mal in Italien und vielleicht sogar in Europa kooperiert die gesamte Branche an einem gemeinsamen Projekt mit allen Ressourcen der Industrie, des Handwerks und der Kunst.

Das Projekt

Ziel von Mater Ceramica ist es, Informationen und Wissen um die Keramikbranche in all ihren Facetten, industriell, handwerklich und künstlerisch zu vertiefen und dieses Wissen zu Kultur- und Marketingzwecken zu verbreiten.  Das Projekt bindet die Partner für eine Laufzeit von zwei Jahren ein und besteht aus drei Phasen. In den ersten Phasen werden aktuelle und historische Daten zu den Unternehmen der Keramikwelt (Industrie, Kunst und Handwerk) zusammengetragen. Aus dieser nationalen Erhebung der Keramikwelt in Italien entsteht dann mithilfe der Geolokalisierung ein Bild der Geschichte und der aktuellen Struktur der Branche. Innovation und Ausbau der Leistungsmerkmale von Keramikmaterial stehen im Mittelpunkt der zweiten Phase, die vollständig vom Keramikzentrum in Bologna durchgeführt wird. Und die dritte Phase besteht aus dem Marketing und der Veröffentlichung der gesammelten Daten über ein Portal, einen geografisch-historischen Altas und einen Reiseführer.
Das Projekt wurde finanziert durch das Ministerium für Wirtschaftsförderung gemäß Gesetz Nr. 188 vom 9. Juli 1990.

Die Partner
Partner sind an der Seite von Confindustria Ceramica das MIC-Internationales Museum für Keramik in Faenza, AiCC, der italienische Verband der Keramikstädte und das CCB Keramikzentrum in Bologna.

Wer sucht findet
Einer der Forscher im Projekt Mater Ceramica ist Matteo Ruini.
Matteo Ruini, 30 Jahre, ist ein junger Forscher aus Sassuolo, der sich nach seinem Hochschulabschluss in Jura Studien der Archivarbeit zuwendet und einen Abschluss am Staatsarchiv in Modena macht. Seit Mitte 2017 ist der mit der Überarbeitung der Katalogisierung der Fliesen im Dokumentationszentrum der italienischen Keramikindustrie im Sitz des Fachverbandes Confindustria Ceramica beschäftigt. Die vollständige Katalogisierung und Digitalisierung ist die Voraussetzung für die Einlesung auf der Webseite von Mater Ceramica und der Verbindung mit dem IBC System (Amt für Denkmalschutz) der Region Emilia Romagna. Im Laufe der Arbeit sind neue Informationen zu Produkten aufgetaucht – zu Handelsmarken und auch zu den Herstellern – und es wurden 500 Fliesen aus dem Lager des Dokumentationszentrums wieder ans Licht gebracht. Aktuell umfasst die Sammlung rund 2000 Stücke, welche die italienische Keramikproduktion ab dem frühen 20. Jahrhundert bis heute beschreibt.

Januar 2018