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Ethische und bioklimatische Architektur | von Alessandra Coppa

Bereits in ihren ersten Projekten stand das Thema Nachhaltigkeit, Energiekosteneinsparung und Ressourcenoptimierung auf der Baustelle im Mittelpunkt der spanischen Architektin Elisa Valero Ramos. Ihre Karriere beginnt in Mexiko mit der Sanierung von „Los Manatiales“, einem Werk von Felix Candela. Seit 1997 hat sie ihr Architekturbüro direkt gegenüber der Alhambra in Granada. „Wir arbeiten an einer Architektur, die sich für die Umwelt einsetzt, eine für alle erschwingliche Architektur, eine Architektur für eine gerechtere Gesellschaft.“

Elisa Valero Ramos befürwortet engagiert eine ethische Architektur, die „leise und sachlich agiert, ohne Aufmerksamkeit zu erregen“, kohärent und rigoros, weit weg von der Mode und eng verbunden mit dem Standort, der Erde.

Auf der Cersaie 2017 war sie Gast im Rahmen des Kulturprogramms „Bauen Wohnen Denken“ und ist dieses Jahr die Preisträgerin des Swiss Architectural Award, der ihr am 15. November 2018 vom Vorsitzenden der Jury im Auditorium des Theaters der Architekturakademie von Mendrisio verliehen wurde. Ausgezeichnet wurden drei Projekte in der Nähe von Granada: der Ausbau eines Schulgebäudes in Cerrillo de Maracena (2013-2014), die Errichtung von experimentellen Wohnungen in einem Baukomplex in Realejo (2015-2016) und der Bau einer Kirche in Playa Granada (2015-2016). Der Lichteinfall verleiht allen Räumen etwas Sakrales und die bauliche und räumliche Sorgfalt und Detailgenauigkeit ist allen ihren Bauwerken gemeinsam.

 

Glauben Sie, dass die drei mit dem Swiss Architectural Award ausgezeichneten Projekte und die Begründung „für eine originelle Baukonzeption, die es ermöglicht hat, die Auflagen der Ausschreibungen mit beschränkten Mitteln in qualitativ hochwertige Flächen umzusetzen“ Ihren planerischen Ansatz beschreiben? Gibt es weitere Projekte, die Ihrer Ansicht nach Ihren Ansatz verkörpern?

Die Bedeutung meiner Arbeit liegt darin, der dringenden Forderung nach veränderten Produktions- und Verbrauchsmodellen zu antworten, die aktuell zu einem schwerwiegenden Umweltproblem werden, welches die Zukunft unseres Planeten kompromittiert. Daher glaube ich, dass der Weg zu einer schlichten Architektur erforderlich ist, in der Strenge ein Wert ist, der nicht im Konflikt mit der Qualität der Flächen steht. Die drei ausgezeichneten Bauwerke sind das Ergebnis einer Recherche, die nur kostengünstige und energieoptimierte Betonbausysteme verwendet: Das ist der Ansatz, der meine Arbeiten prägt. Aus ethischen Gründen glaube ich, dass Architektur Ressourcen in durchdachter Form verwenden soll; es sollte nie mehr gebaut und mehr zerstört werden als unbedingt notwendig. Dieses Prinzip gilt auch für Sanierungsobjekte, egal ob es die Intensivstation des Krankenhauses Gesù Bambino ist oder Wohnungen wie die Villa von Zujaira und das Neiman Haus.

In Ihren planerischen Studien stehen Baustoffe im Mittelpunkt. Erzählen Sie uns doch ein wenig von den Betonbausystemen, die Sie für den Ausbau der Schule Cerillo de Maracena in Granada und Ihr erstes Sanierungsprojekt, dem Restaurant „Los Manantiales“ von Felix Candela eingesetzt haben. Was ist das System Elesdopa?

Das Elesdopa System ist ein Bausystem mit einem Bauelement aus einer Doppelwand aus Beton, das für die Aufnahme einer internen Dämmung ausgelegt ist. Dadurch wird eine erhebliche Menge an Beton eingespart, die Trägheit des Baustoffs optimiert und es kann auf den Innenausbau verzichtet werden. Dieses System wurde von Manuel Rojas, Professor an der Universität Granada patentiert und es ermöglicht, kostengünstige Passivhäuser zu fertigen. Durch Elesdopa wird ein Betonbau optimiert: Es werden zwei Betonschichten auf die Armierung gegossen und eine 20 cm dicke Wärmedämmschicht aufgetragen. Die großzügige Dämmung und die thermische Masse schaffen ein Passivsystem, das einen angemessenen Komfort ohne mechanische Heiz- oder Klimaanlage schafft. Mit dieser Lösung reduzieren sich auch das Volumen der verwendeten Baustoffe und die Baukosten. Nebenbei entsteht ein Haus, das Erdbeben wesentlich besser widersteht. Und das alles mit nur einem Baustoff innen und außen: Beton.

Was halten Sie von den strukturellen und optischen Möglichkeiten von Keramikmaterial? In Ihrem Projekt für den Kindergarten El Serallo auf den Hügelzügen nördlich von Granada habe ich gesehen, dass Sie bunte Keramik eingesetzt haben, die in Zusammenarbeit mit dem Künstler Eduardo Barco entstanden ist und die Ost- und Westseite als Dekor und Sonnenblende verkleiden.

Keramikmaterial hat ein enormes Potenzial. In den letzten Jahren haben umfassende Studien zur Optimierung der Produkte und somit zu nachhaltigem Bauen beigetragen. Ein gutes Beispiel dafür ist mein jüngstes Projekt, das zusammen mit Jim und Theresa Neiman entstanden ist, die Experten für Keramik und Nachhaltigkeit sind. Am Beispiel der Natur, wo organischer Abfall in Kompost verwandelt wird, haben Neimans Industrieabfälle aus Keramik in Grobmaterial verwandelt und wunderbare Stücke daraus hergestellt. Jim erfindet und schafft neue Einsatzmöglichkeiten für industriellen Keramikabfall als Ingenieur für Recycling bei der Kohler Company WasteLAB in Wisconsin. Als Ingenieur und Handwerker verarbeitet er die tonhaltigen Materialien zu Pulver, das trocken gepresst und gebrannt wird. Daraus entstehen Fliesen mit einem Scherben aus Porzellan und einer glänzenden Glasoberfläche.

Zurzeit arbeiten wir an einem neuen Projekt für krebskranke Kinder im Krankenhaus Virgen del Rocio in Sevilla. Hier wollen wir bunte Keramik einsetzen, um das Ambiente des Krankenhauses humaner und spielerischer zu gestalten. Keramik steht mir bei meiner Arbeit als Architektin immer sehr nahe.

Ist es denkbar, dass nach bioklimatischen Prinzipien nachhaltig gebaut werden und gleichzeitig die Kosten reduziert werden können? Einen Ansatz dieser Art hatten Sie, glaube ich in den experimentellen Wohnungen in Granada?

Es ist nicht nur denkbar, sondern notwendig. Architektur muss den Regeln der Natur folgen und diese zu ihrem Vorteil nutzen, indem eine Bioklima-Architektur, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat, zur Senkung der Bau- und vor allem der Wartungskosten eingesetzt wird.

In den experimentellen aber auch traditionellen Wohnungen sollten Passivsysteme vorherrschen, um Komfort zu schaffen und einen hohen Dämmgrad zu erzielen. Es müssen passende Lösungen für die Fenster und Durchbrüche gewählt werden, die abhängig von der Ausrichtung eine gute Beleuchtung und Lüftung sichern. Die Wohnungen in Granada sind das Ergebnis eines experimentellen Projektes. Acht verschiedene Apartments wurden nach den Bedürfnissen der in einer Genossenschaft zusammengeschlossenen Eigentümer um einen Garten herum gebaut. Durch den gelochten Bodenbelag des Gartens läuft das Regenwasser ab und an einigen Stellen sind die Löcher größer, um Raum für Sträucher oder kleine Bäume zu schaffen. Die Planung nach bioklimatischen Richtlinien hat zu einer Senkung der Energiekosten und der Entstehung eines Passivhauses geführt. Erreicht wurde das durch den schlüssigen Aufbau und die Dicke der Dämmschicht, die erhebliche thermische Trägheit und die richtige geografische Ausrichtung.

Licht und seine Kontrolle stellen einen wichtigen Punkt in Ihren Projekten dar. Wie haben Sie die Poesie des Lichtes in der Kirche Playa de Granada interpretiert?

Ich beschäftige mich sehr mehr als 20 Jahren mit Licht als „nicht tangible Materie“ und ein Element, das Architektur bestimmt und qualifiziert. Seit dem sind meine Bauwerke immer ein „Lichtlabor“ und die Chance ein Gotteshaus zu bauen, war für mich eine große Herausforderung, in der ich den symbolischen Wert durch eine essentielle Architektur ausdrücken wollte. In der Kirche von Playa Grande ist Licht der Hauptdarsteller im Raum. Der Lichtbogen vom Morgen zum Abend, von den Sonnenwenden zur Tages-und-Nachgleiche zeigt die Präsenz Gottes, der das Licht der Welt ist.

BIOGRAPHIE

Jahrgang 1971 und geboren in Ciudad Real (Spanien), schließt Elisa Valero Ramos 1996 ihr Hochschulstudium an der Escuela Tecnica Superior de Arquitectura (ETSA) in Valladolid ab. Im Jahr 2000 promoviert sie an der ETSA in Granada und gewinnt 2003 ein Stipendium der Spanischen Akademie in Rom. Sie ist die Autorin von fünf Monografien, Kritikerin und Dozentin in zahlreichen europäischen Architekturfakultäten sowie an der UNAM in Mexiko Stadt. Derzeit ist sie Ordinarius für Planungswesen an der ETSA in Granada.

 

November 2018