Genius Loci im Mittelpunkt des Projekts

Gris+Dainese Architetti entwirft Architektur, die wirkt, als wäre sie schon immer Teil ihres Ortes gewesen, und zugleich die Gegenwart erzählt – durch das Zusammenspiel von Materialität, Licht, Klang und Erinnerung
Von Alessandra Coppa

(Juni 2026) – Das Büro Gris+Dainese Architetti entstand aus der Begegnung zweier beruflicher Wege zwischen New York und Padua. Daraus entwickelte sich eine kreative Partnerschaft, die auf komplementären Perspektiven basiert: Stefano Gris’ akribische Leidenschaft für Zeichnung und Detail sowie Silvia Dainese‘ Fähigkeit, räumliche Erzählungen, Lichtstimmungen und emotionale Wege zu gestalten. Heute ist das Studio ein kompaktes, interdisziplinäres Atelier, in dem Licht als Material verstanden wird, Holz und Keramik miteinander in Dialog treten und jedes Projekt aus dem Genius Loci heraus entsteht. Von den Almhütten Cortinas bis zu den Stationen von Seilbahnanlagen besteht das Ziel darin, lokalen Spuren neue Form zu verleihen: Holzfassaden, die Ausblicke filtern, mineralische Dächer, die auf alpine Höhenlagen reagieren, und sorgfältig entwickelte Energiekonzepte. In Museen wird die Erzählung selbst zum Raum – durch Volumen und Wegeführungen, die Geschichten bereits vorwegnehmen.

 

Wie entstand Ihr Büro?

Das Studio entstand aus der Zusammenführung zweier bereits bestehender Büros: meines eigenen, das seit 1990 zwischen New York und Padua tätig war, und jenem von Stefano, das bereits seit längerer Zeit erfolgreich arbeitete. Damals kannten wir uns, tauschten Ratschläge aus, waren aber letztlich auch Konkurrenten, da wir uns mit ähnlichen Themen beschäftigten – Ausstellungsdesign, Branding und Inszenierungen für große Unternehmen –, wenn auch für unterschiedliche Auftraggeber. Ab dem Jahr 2000 entwickelte sich eine engere, fast „emotionale“ Zusammenarbeit, geprägt von einem kontinuierlichen Austausch. Die Entscheidung, unsere Kräfte auch formell zu bündeln, fiel nach der Lehman-Brothers-Krise – sowohl um Synergien zu schaffen als auch um unsere Tätigkeit in einer besonders schwierigen Phase neu auszurichten. Von diesem Moment an basierte unsere gemeinsame Geschichte auf einer starken Ergänzung unserer jeweiligen Fähigkeiten. Stefano hatte einen beinahe obsessiven Zugang zum Entwurf: Er behielt das Gesamtbild im Blick und kontrollierte gleichzeitig jedes kleinste Detail, als würde er ständig zwischen Maßstabsebenen hin- und herzoomen. Sein Reich war die Zeichnung, mit weißen und gelben Transparentpapieren, die durch das Büro flogen, während er Aufgaben verteilte und Projekte verfeinerte. Ich hingegen arbeitete eher wie ein Regisseur: Ich entwickelte die Erzählung des Projekts, stellte mir Licht, Übergänge und Proportionen vor und konzentrierte mich stark auf das, was Menschen in einem Raum empfinden würden – Wahrnehmung, Emotion und Wohlbefinden.

Als wir fast zufällig vom Ausstellungsdesign in die Hotellerie und Innenarchitektur wechselten, wurde uns bewusst, wie sehr uns die Arbeit in Museen und Ausstellungen für die Bedeutung des Lichts sensibilisiert hatte. Für uns ist Licht seit jeher ein vollwertiges Entwurfsmaterial – ebenso wie Harze, Beton, Stahl oder Holz, von Fichte über Lärche bis hin zur Zirbe.

 

Hotel De Len, Cortina (foto: Giuseppe Ghedina)

 

Stefanos Beitrag ist auch heute noch im Studio spürbar. Worin besteht sein Vermächtnis – auch auf intellektueller Ebene – und wie entwickeln Sie die ursprünglichen Ideen weiter, die das Büro geprägt haben?

Stefanos Vermächtnis lebt sehr stark weiter, nicht nur in mir, sondern auch in all jenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die im Laufe der Jahre mit uns gearbeitet haben. In Projektbesprechungen erkenne ich oft in ihren Worten die Denkweise wieder, die er vermittelt hat. Sein Erbe besteht aus Strenge und einer Form kreativer Besessenheit: Er war in der Lage, das fertige Projekt als Ganzes zu kontrollieren und sich gleichzeitig auf die kleinsten Details zu konzentrieren. Gemeinsam haben wir eine Entwurfskultur aufgebaut, in der Licht, Materialien, Landschaft und Klang untrennbar miteinander verbunden sind. Dieses methodische Vermächtnis lebt heute weiter – auch durch die Perspektiven und die Arbeit der jüngeren Generationen.

 

Wenn Sie von „methodischer Kohärenz als Kompass des Entwurfsprozesses“ sprechen, meinen Sie damit auch diese multidisziplinäre Arbeitsweise und die Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern und externen Spezialisten? Beginnt dies bereits in den frühen Projektphasen?

Absolut. Für uns beginnt methodische Kohärenz bereits in den ersten Entwurfsphasen und begleitet den gesamten Prozess bis zur Baustelle. Die Idee besteht stets darin, Architektur zu schaffen, die einfach erscheint, tatsächlich aber hochkomplex ist und tief in den Materialien sowie im handwerklichen Wissen der Region verwurzelt bleibt. Der Genius Loci spielt in jedem Projekt eine entscheidende Rolle: In Sizilien zu entwerfen ist etwas völlig anderes als in Cortina, weil sich Baukultur, Klima, Materialien und Landschaft unterscheiden. Wir sagen oft, dass wir versuchen, „mimetisch“ mit der Landschaft umzugehen. Unsere größte Zufriedenheit entsteht, wenn jemand sagt: „Es wirkt, als hätte dieses Gebäude schon immer hier gestanden“.

 

Seilbahnstation Lacedel-Socrepes, Cortina (©Giuseppe Ghedina)

 

Betrachtet man Ihre Projekte in Cortina – sowohl die realisierten als auch die jüngeren –, erkennt man eine intensive Auseinandersetzung mit lokalen Bautypologien, ähnlich wie bei Franco Albini oder Edoardo Gellner. Es scheint dabei nicht nur um Anpassung zu gehen, sondern um eine komplexere Arbeit mit Spuren und Erinnerungen.

Wie Sie richtig bemerken, handelt es sich nicht um oberflächliche Nachahmung. Es ist eine komplexe Auseinandersetzung mit Typologien, Spuren und ortsspezifischen Merkmalen, die verstanden, neu interpretiert und in eine zeitgenössische Dimension überführt werden. Der Verweis auf Albini und Gellner ist sehr treffend, da beide mit großer Sensibilität an Traditionen gearbeitet haben. Unsere Arbeit an alpiner Architektur beginnt mit dem Studium von Bautypologien, die sich je nach Höhenlage und Funktion verändern.

Auf etwa 1.200 Metern dominieren beispielsweise Mauerwerksbauten mit Holzelementen, die klar definierte Aufgaben erfüllen. Höher gelegen finden sich Almhütten, Heuschober und leichtere Konstruktionen, bei denen Holz als Fassaden- und Filterelement dient. Aus diesen Vorbildern entwickelten wir die Idee von Holzfassaden, die wie ein Gewebe vor zeitgenössischen Glasflächen liegen, diese verbergen und filtern, ohne sie zu verneinen. Die Bretter traditioneller Heuschober wurden zu Brise-Soleil-Elementen umfunktioniert: Ihre Aufgabe besteht heute nicht mehr darin, Heu zu belüften, sondern das Tageslicht harmonisch zu filtern.

Einige Projekte verändern sich entsprechend der Landschaft und der Höhenlage. In mittleren Höhenlagen spielt Holz eine größere Rolle, während in 2.500 bis 2.700 Metern Höhe die Dächer kantiger und mineralischer werden und mit den umgebenden Felsformationen in Dialog treten. In manchen Fällen sind technische Nebenräume teilweise in den Boden eingelassen und nahezu unsichtbar, um ihre visuelle Präsenz weiter zu reduzieren.

Parallel dazu verfolgen wir sehr ambitionierte Energieziele: Gebäude der Energieklasse A mit niedrigem Verbrauch, die im Winter Wärme speichern und im Sommer vor Überhitzung schützen. Die Forschung an Bautypologien verbindet sich dabei mit technologischer Innovation und hoher Leistungsfähigkeit – in einem ständigen Gleichgewicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

 

Können Sie uns etwas über Ihre aktuellen Projekte in Cortina erzählen – die Tal- und Bergstationen der Gondelbahn sowie die Faloria-Hütte?

Bei den Gondelbahnstationen wurden wir vom Auftraggeber in dem Moment eingebunden, als die Umstellung von Sesselliften auf Gondelbahnen beschlossen wurde. Man bat uns, nicht nur die technische Infrastruktur, sondern das gesamte architektonische Ensemble zu gestalten. Unsere Antwort bestand darin, uns an traditionellen Almhütten zu orientieren. Anstelle standardisierter Metallverkleidungen verwendeten wir thermisch behandeltes Holz, das die technische Struktur umhüllt und ihre Wirkung in der Landschaft abmildert.

 

Haus Gris Dainese (©Giuseppe Ghedina)

 

Die Faloria-Hütte wiederum entstand aus dem Dialog zwischen dem historischen Gebäude, das einst von Baron Franchetti in Auftrag gegeben wurde, und späteren Erweiterungen. Die Betreiber stellten sich die Frage, ob daraus ein kleines Berghotel oder weiterhin eine Schutzhütte mit Restaurant werden sollte. Der aktuelle Entwurf belässt das Erdgeschoss als Servicebereich für Bergsteiger, Skischulen und Skifahrer, während die oberen Geschosse innerhalb der genehmigten Erweiterungen neu organisiert werden. Auch hier spielt das Zusammenspiel von Mauerwerk und Holz eine zentrale Rolle: Holz umhüllt das Gebäude, schützt die Verglasungen vor intensiver Sonneneinstrahlung und mildert die Präsenz des Bauvolumens in der Berglandschaft.

 

Welche Rolle spielt Keramik in Ihren Projekten im alpinen Raum? Ist sie mit diesem Kontext vereinbar oder betrachten Sie sie eher als fremd?

Keramik, insbesondere Feinsteinzeug, ist ein Material, das wir sehr gezielt einsetzen. Wir bevorzugen durchgefärbte, dunkle, matte und teilweise strukturierte Oberflächen, da sie am besten mit Holz harmonieren, ohne visuelle Konflikte zu erzeugen.

Wir verwenden sie in stark beanspruchten Bereichen, in denen eine hohe Dauerhaftigkeit erforderlich ist. Unser Grundsatz lautet, dass alle Materialien eines Projekts hinsichtlich ihrer Langlebigkeit auf Augenhöhe stehen sollten: Wenn Holz und Beton für eine lange Lebensdauer ausgelegt sind, muss auch die Keramik dieselbe Beständigkeit bieten, ohne unverhältnismäßigen Wartungsaufwand zu verursachen.

BIOGRAFIE
Cer Magazine International 91 | 06.2026
BIOGRAFIE



Gris+Dainese Architetti wurde 2008 von Silvia Dainese und Stefano Gris gegründet und ist das Ergebnis zweier komplementärer beruflicher Werdegänge, die sich bis heute in einer bewussten und reflektierten Planungskultur miteinander verbinden. Eigenständig und zugleich den Prinzipien einer minimalistischen und handwerklich geprägten Architektur verpflichtet, entwickeln Gris und Dainese kreative Ansätze, die auf einer breit gefächerten Planungserfahrung beruhen. Das Spektrum reicht von großmaßstäblichen Eingriffen bis zu temporären Installationen, vom Ausstellungsdesign für öffentliche und private Auftraggeber bis zur Konzeption von Hotel- und Wohnanlagen in Italien und im Ausland, einschließlich alpiner Regionen.
Die Arbeit mit einem Ort, unter Respektierung seiner Eigenschaften und der Hervorhebung seiner Besonderheiten, gehört zu den zentralen Zielen des Büros. Kontextbezogene Anforderungen werden in eine zeitgenössische Architektursprache übersetzt, die das Wohlbefinden der Nutzer in den Mittelpunkt stellt und bestehende Bauten mit einem verantwortungsvollen und teilnehmenden Ansatz weiterentwickelt. Mit Sitz in Venedig am Canale della Giudecca entwickelt das Studio seine Projekte durch einen multidisziplinären Dialog zwischen Planern, lokalen Handwerkern und Spezialisten. Daraus entsteht eine Synergie, die sich in der Materialwahl sowie im Einsatz von Licht und Klang widerspiegelt und von einer starken methodischen Kohärenz getragen wird.