Keramische Oberflächen interpretieren Haptik, Licht und Farbe, um Räume zu definieren
(September 2026) – „Die Fliese wird zu einer Oberfläche, auf der die Spuren der Hand bewusst und absichtlich sichtbar bleiben“, bemerkte Kengo Kuma über sein Keramikprojekt Three Elements, One Matter. Diese Aussage bringt eine der bedeutendsten Entwicklungen der zeitgenössischen Oberflächengestaltung auf den Punkt: Spuren, Reliefs und Unregelmäßigkeiten sind längst keine bloßen dekorativen Effekte mehr, sondern gestalterische Werkzeuge, durch die Material, Licht, Farbe und Raum miteinander in Beziehung treten.
Taktile Texturen sind daher keineswegs lediglich Ausdruck einer Rückkehr zur Dekoration. Vielmehr sind sie das Ergebnis einer technologischen Entwicklung, die es ermöglicht, Struktur und Grafik mit immer größerer Präzision aufeinander abzustimmen. Mikrogravuren, körnige Oberflächen, gezielte Opazitätsvariationen sowie mit Maserungen oder mineralischen Einschlüssen synchronisierte Reliefs schaffen Oberflächen, die gleichermaßen mit den Augen und den Händen wahrgenommen werden können. So vermag Keramik die Schichtung von Naturstein, die Maserung von Holz, textile Gewebe, bearbeiteten Beton oder modellierten Ton zu evozieren, ohne auf Widerstandsfähigkeit, Formstabilität und Pflegeleichtigkeit zu verzichten.
In einer Alltagswelt, die zunehmend von vollkommen glatten Bildschirmen geprägt ist, entdeckt die Innenarchitektur eine neue Qualität der physischen Erfahrung wieder. Es geht nicht allein um den Wunsch, „etwas Greifbares zu berühren“: Die sinnliche Dimension vermittelt Informationen über Maßstab, Dichte und Charakter eines Raumes. Eine gerillte Wand, eine körnige Oberfläche oder ein graviertes Modul schaffen eine Beziehung zum menschlichen Körper, laden zur Berührung ein oder halten sie bewusst auf Distanz und lassen Architektur als materielle Präsenz statt lediglich als Bild erscheinen.
Auch die Dreidimensionalität beeinflusst das Licht. Lineare Strukturen, facettierte Module und Flachreliefs erzeugen Schatten, deren Tiefe sich im Tagesverlauf und je nach Blickwinkel verändert. Die Oberfläche bleibt nicht unverändert, sondern wandelt ihre Wirkung: Bei frontaler Beleuchtung erscheint sie kompakter, bei Streiflicht dagegen differenzierter und lebendiger. Das Wechselspiel zwischen matten, satinierten und glänzenden Oberflächen schafft zusätzliche Wahrnehmungsebenen und ermöglicht Rhythmus und Hierarchien, ohne auf aufgesetzte Dekoration zurückzugreifen.
Mit dieser Entwicklung geht eine Farbpalette einher, die von Erdtönen geprägt ist: Sand, Kalkstein, Mineralbeige, Ton, Terrakotta, Ocker, Rost und Tabak, ergänzt durch Akzente in Oliv-, Salbei- und Moosgrün. Diese Farbfamilie verbindet unterschiedliche Oberflächen miteinander und unterstützt harmonische Ton-in-Ton-Kompositionen.
Das Gefühl von Ausgewogenheit und Ruhe, das Räume in diesen Farbtönen ausstrahlen, beruht vor allem auf ihrer Kombination. Dezente Kontraste vermeiden abrupte visuelle Brüche, eng verwandte Nuancen fördern Kontinuität, während Beige- und Sandtöne das Licht weicher reflektieren als reines Weiß. Ocker und Terrakotta verleihen Wärme und Tiefe, während kräftige Braun- und Grüntöne die Komposition stabilisieren und die visuelle Verbindung zur umgebenden Landschaft stärken.
Der Bezug zur Natur bedeutet dabei keineswegs zwangsläufig ihre naturgetreue Nachbildung, sondern kann auch aus einem Prozess der Abstraktion hervorgehen. Dies zeigt die Arbeit von Federica Biasi, die die Erinnerung an übereinanderliegende Terrakottaziegel auf den Dächern asiatischer Dörfer in ein graviertes, geordnetes und wiederholbares Modul übersetzt hat. Der ursprüngliche Eindruck wird zu Struktur, Proportion und Rhythmus – den grundlegenden Elementen architektonischer Gestaltung.
Textur und Farbe entfalten ihre größte Wirkung, wenn sie präzise aufeinander abgestimmt sind. Ein ausgeprägtes Relief kann durch einen gleichmäßigen Farbton ausbalanciert werden, während eine intensive Farbe durch feine Unterschiede in der Oberflächenstruktur an Tiefe gewinnt. Glänzende Oberflächen verstärken die Wirkung von Kupfer-, Tabak- und Terrakottatönen, matte Oberflächen hingegen bringen die pudrige Anmutung von Ton, Beton und Naturstein besonders deutlich zur Geltung. Bei hellen Farbtönen genügt schließlich bereits ein flaches Relief, um präzise Schatten entstehen zu lassen.
Die aktuelle Entwicklungsrichtung zielt daher nicht auf die Anhäufung von Effekten, sondern auf deren ausgewogene Dosierung. Oberflächen übernehmen dann eine architektonische Funktion, wenn Relief, Farbe und Licht gemeinsam den Raum strukturieren, den Übergang zwischen Innen- und Außenbereichen begleiten und unterschiedliche Funktionen innerhalb der Architektur definieren.


















