Eine Lektion in Menschlichkeit

(Oktober 2026) – Langanhaltender Applaus, bewegende Momente und Tränen prägten in diesem Jahr den Abschluss der Lectio Magistralis auf der Cersaie. Nachdem Alejandro Aravena den partizipativen Prozess erläutert hatte, der zum Entwurf des Hospital de la Paz führte, zeigte er ein Video der abschließenden Präsentation des Projekts vor den Opfern sexueller Gewalt in Kolumbien.

Drei zentrale Themen standen im Mittelpunkt seines Vortrags: das Projekt Half Houses; Maßnahmen des sozialen Wohnungsbaus beim Wiederaufbau nach Naturkatastrophen wie dem Brand in Viña del Mar, die die Frage aufwarfen, ob schnell oder gut gebaut werden kann; sowie das Hospital de la Paz in Kolumbien zur Versorgung von Opfern sexueller Gewalt.

Das Projekt Half Houses steht für einen neuartigen Ansatz im sozialen Wohnungsbau, den Aravenas Architekturbüro Elemental entwickelt hat. Sowohl im sozialen Wohnungsbau als auch beim Wiederaufbau nach Katastrophen, so der Architekt, reichen die verfügbaren finanziellen Mittel normalerweise nur für das unbedingt Notwendige.

„Im sozialen Wohnungsbau muss man alles Überflüssige aus dem Entwurf entfernen und sich ausschließlich auf das Notwendige konzentrieren“, erklärte er. „Dabei ist jedoch zu beachten, dass das Notwendige vom Kontext und vom jeweiligen Projekt abhängt. Beim Hospital de la Paz in Kolumbien beispielsweise ist Schönheit ein wesentliches Element. Die Betroffenen haben gesagt, dass man auf vieles verzichten könne, aber nicht auf Schönheit“.

 

Half Houses

„Jungen Planerinnen und Planern rate ich, sich die Mühe zu machen, den Kontext gründlich zu untersuchen, bevor sie eingreifen“. Um seinen Ansatz im sozialen Wohnungsbau zu erläutern, betonte Aravena, wie entscheidend es sei, von den tatsächlichen Gegebenheiten auszugehen, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Als sich ihm 2001 die Gelegenheit bot, in Quinta Monroy in Chile tätig zu werden, identifizierte er fünf grundlegende Fakten.

Fakt 1: In Entwicklungsländern ermöglichen öffentliche Fördermittel bestenfalls den Bau von rund 40 Quadratmetern Wohnfläche.

Fakt 2: Eine Familie aus der Mittelschicht kann auf 80 Quadratmetern einigermaßen komfortabel leben.

Fakt 3: Sobald die Menschen die Möglichkeit dazu haben, erweitern sie ihre Häuser von 40 auf 80 Quadratmeter, unabhängig davon, ob der Architekt dies möchte oder nicht. Als Planer muss man diese Entwicklung daher von vornherein berücksichtigen. Andernfalls können die ursprünglichen Tragstrukturen durch nachträgliche Erweiterungen geschwächt werden und die Häuser beispielsweise bei einem Erdbeben einstürzen, wie es sich bei einem solchen Ereignis in jüngerer Zeit in Kolumbien gezeigt hat.

Fakt 4: Städte ziehen immer mehr Menschen an. „Schätzungen zufolge ziehen weltweit jede Woche eine Million Menschen in die Städte. Wir wissen jedoch nicht, wie wir in den Städten jede Woche Wohnraum für eine Million Menschen schaffen sollen, wenn uns durchschnittlich 10.000 Dollar pro Familie zur Verfügung stehen“, sagte Aravena.

Fakt 5: Selbst wenn wir all diesen Wohnraum bauen würden, hätte dies Umweltschäden zur Folge, die dem Planeten ein Ende setzen würden. Wir sitzen also auf einer tickenden Zeitbombe und stehen vor enormen Herausforderungen.

 

 

Im Jahr 2001 wurde Elemental von der chilenischen Regierung damit beauftragt, auf einer Fläche von 5.000 Quadratmetern Wohnraum für 1.000 Familien zu schaffen. Die Untersuchung des Kontexts hatte gezeigt, dass die Bewohner ihre 40 Quadratmeter großen Sozialwohnungen häufig eigenmächtig auf 80 Quadratmeter erweiterten. Daraufhin entwickelte Aravena einen Ansatz für den sozialen Wohnungsbau, den er als „inkrementell“ bezeichnete.

Angesichts äußerst begrenzter finanzieller Mittel für den Bau von Wohnvierteln mit angemessenen Lebensbedingungen nutzte Elemental die staatlichen Mittel, um „ein gutes halbes Haus“ zu entwerfen. Neben jeder Wohneinheit wurde genügend Platz freigelassen, damit die Familien ihre Häuser entsprechend ihren individuellen finanziellen Möglichkeiten erweitern konnten. Genau dies geschah auch und setzte in diesem Gebiet einen Kreislauf positiver Entwicklungen in Gang. So wurden die Ausgaben für den sozialen Wohnungsbau, der normalerweise als Belastung für die öffentliche Hand gilt, zu einer wertvollen wirtschaftlichen und sozialen Investition.

„Dafür muss gewährleistet sein, dass ausreichend freie öffentliche Flächen vorhanden sind. Die wichtigste Frage beim sozialen Wohnungsbau lautet daher: Wo wird gebaut? Werden Wohnungen beispielsweise in der Nähe von Arbeitsplätzen errichtet, geben die Familien weniger Geld für den Arbeitsweg aus und können ihre Häuser im Laufe der Zeit erweitern. Baut man dagegen am Stadtrand und dauert der Arbeitsweg beispielsweise zwei Stunden, sinkt das Familieneinkommen. Wenn man Raum für spätere Erweiterungen lässt, steigt langfristig auch der Wert der Wohnungen im Quartier. Nach unseren Projekten von Elemental in Chile im Jahr 2001 hat sich der Wert der Häuser in Quinta Monroy verzehnfacht“.

 

 

Wiederaufbau nach Naturkatastrophen

Nach dem verheerenden Brand in Viña del Mar in Chile im Jahr 2024 wurde unmittelbar deutlich, dass ein schneller Wiederaufbau notwendig war. Einerseits versuchten Drogenkartelle bereits, Einfluss auf den Wiederaufbau zu nehmen, andererseits weigerten sich die Menschen, die ihr Zuhause verloren hatten, in provisorische Unterkünfte umzuziehen.

Elemental entwickelte gemeinsam mit den betroffenen Familien einen Vorschlag. Mithilfe vorgefertigter Stahltragwerke konnten innerhalb kürzester Zeit neue Wohngebäude errichtet werden. So entstanden innerhalb eines Jahres dauerhafte, mehrgeschossige Wohngebäude. Für die betroffenen Familien war dies eine Ewigkeit, für die Errichtung dauerhafter Wohngebäude jedoch eine Rekordzeit. Diese Erfahrung zeigte, dass es möglich ist, schnell und gleichzeitig gut zu bauen. Dass die Arbeiten ein ganzes Jahr dauerten, lag nicht an technischen Anforderungen – die Tragstruktur hätte innerhalb von 24 Stunden fertiggestellt werden können –, sondern an anderen Faktoren, insbesondere an bürokratischen Abläufen.

 

Hospital de la Paz in Kolumbien

„Wir hatten zuvor noch nie ein Krankenhaus gebaut“, erklärte Aravena, „aber man hat uns wegen unseres partizipativen Planungsansatzes angefragt“.

Der Kontext, in dem Aravena und sein Büro tätig wurden, ist bis heute von den Folgen eines langen und blutigen innerstaatlichen Konflikts geprägt, für den 2016 ein Friedensabkommen unterzeichnet wurde.

Die Aufgabe bestand darin, eine Einrichtung zu schaffen, die jährlich rund 20.000 Opfern sexueller Gewalt in Kolumbien Hilfe bietet – 85 % davon sind Frauen; betroffen sind aber auch Männer und Menschen aus der LGBTQ-Community. Von Anfang an wurde beschlossen, Dr. Denis Mukwege einzubeziehen, den Friedensnobelpreisträger von 2018, der im Kongo ein vergleichbares Krankenhaus gegründet hatte. Da die Situationen Ähnlichkeiten aufweisen, sollte dieser Ansatz auch in Kolumbien angewandt werden. „Wir haben mit einigen Betroffenen gesprochen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben“, sagte Aravena. „Ich möchte die schrecklichen Geschichten, die wir gehört haben, nicht im Einzelnen schildern. Es waren Geschichten von solcher Grausamkeit, dass darin jede Menschlichkeit verloren geht. Gleichzeitig sitzt man mit Menschen an einem Tisch, bei denen man sich kaum vorstellen kann, wie sie das Erlebte überstanden haben – und die dennoch alles daransetzen wollen, zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht. Es war das emotional belastendste Projekt, mit dem wir jemals konfrontiert waren. Gemeinsam mit den Betroffenen trafen wir die für die Ermittlungen zuständigen Justizvertreter, den Gesundheitsminister, Psychiater, Psychologen und Dr. Mukwege. Wir besuchten das Grundstück, auf dem das Krankenhaus entstehen soll, und analysierten sowohl den Standort als auch den Entwurf gemeinsam mit den Betroffenen“.

Anschließend erläuterte Aravena, wie der Entwurf aus den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen hervorging, zugleich aber auch Kompromisse mit dem Gesundheitsministerium erforderlich machte.

 

„Für die Betroffenen stand von Anfang an fest, dass das Krankenhaus, ganz gleich wie es gestaltet würde, nicht wie ein Krankenhaus aussehen durfte: kein Weiß, kein hohes Gebäude und nichts, was mit dem Gesundheitswesen in Verbindung gebracht werden könnte. Denn die Kälte eines Krankenhauses passt nicht zu dem Trauma, das diese Menschen erlitten haben“.

In Kolumbien spielt darüber hinaus die Sicherheit eine besonders wichtige Rolle, auch innerhalb des Krankenhauses. Deshalb sieht das Projekt sowohl frei zugängliche Bereiche als auch Zonen mit kontrolliertem Zugang vor. Dies ist auch deshalb erforderlich, weil das Krankenhaus nicht nur den Opfern sexueller Gewalt, sondern der gesamten Region dienen soll. Damit die Betroffenen nicht jedes Mal vor den Sicherheitskräften, denen sie in den öffentlich zugänglichen Bereichen begegnen, erklären müssen, warum sie sich dort aufhalten, wurde ein eigener Eingang für sie vorgesehen. Von dort führt ein gesonderter Weg zur Cafeteria, wo sie sich die nötige Zeit nehmen können, um diese erste Hürde beim Betreten des Gebäudes zu überwinden.

Auch Schönheit und Kunst spielen auf ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen eine wichtige Rolle. Deshalb sieht der Entwurf innerhalb des Krankenhauses eine Kunstgalerie für Wechselausstellungen vor.

Die eindringliche Lectio Magistralis von Aravena, die in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Interni organisiert wurde, endete mit der Vorführung eines Videos, das die abschließende Präsentation des Projekts vor den Betroffenen in einem großen Theater zeigte. Während der Veranstaltung sangen einige von ihnen ein ergreifendes Lied der Singer-Songwriterin Vivir Quintana.

 

Sehen Sie sich das Video der Lectio Magistralis von Alejandro Aravena auf der Cersaie 2026 an.

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Categorie CerMagazine: Geschichte und Mission
Target di riferimento: Planer

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